Geschichten, Gedichte und Songtexte - der Poeten-Treff

Das Geräusch des Regens Kapitel 2 Erste Erinnerung

Datum: Freitag, 20. März 2009
Thema: Bitte ein Thema auswählen

 

 

 

 

Ein schwüler Sommerabend

Wir begleiten Diana in ihre erste Erinnerung und beginnen langsam zu erfahren, was passiert ist. 

 



 

Ein schwüler Sommerabend

Sie saßen in einem kleinen italienischen Restaurant und genossen den schönen Sommerabend.

Die Luft war so schwül, dass man das Gefühl hatte, man würde Wasser einatmen. Es lag gewittrige Spannung in der Luft. Von weitem konnte man schon den Donner hören.

 Diana genoss den Abend mit Tim sehr. Tim, ihr verrückter, exzentrischer, sensibler bester Freund.

Er war seit langem wie ein Bruder für sie. Ausführlich und überschwänglich berichtete er ihr seit einer Stunde von seinem neuen Studium.

 Er hatte es  in den letzten fünf Jahren nacheinander mit Jura, Biologie und Literatur versucht, aber  jedes Studium nach spätestens eineinhalb Jahren abgebrochen. Seit neustem war er  nun der Meinung, dass Tiermedizin die Erfüllung seines Lebens werden könnte. Wohlgemerkt,  er hatte Diana früher genauso glaubhaft versichert, dass Jura die Erfüllung seines Lebens wäre.  Ebenso wie Biologie!

 Diana hatte alles überstanden, auch die Zeit,  in der er meinte, Literatur wäre das Studium seiner Träume.

Als er ihr aber vor einem Jahr unter Tränen berichtete, dass er sein Literaturstudium aufgäbe, hatte sie nur einen Gedanken im Kopf: GOTT  SEI  DANK  !!! Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen  Sie hatte sich schon ernsthaft gewundert, warum sie nach einem halben Jahr Literaturstudium ihres besten Freundes immer noch nicht den Freitod gewählt hatte!  Das nächste, woran sie damals dachte,  während sie Tim  tröstend in die Arme geschlossen hatte, war, dass sie niemals in ihrem Leben mehr etwas über die Naturbeschreibungen des jungen Werther hören müsste. WELCH EIN SEGEN !!!

 Und jetzt hatte er die Tiermedizin gewählt. Ok!  Tiermedizin war durchaus akzeptabel, aus Dianas  Sicht.

Interpretationen der Anatomie eines Kaninchens waren wohl kaum zu befürchten! Tim würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in keine weitere Lebenskrise geraten, wenn er ein  Buch über die Funktion des dritten und vierten Magens einer Kuh las. Das sah damals anders aus, nachdem er die gesammelten Werke von Kafka verschlungen hatte. Sie hatte also gute Aussichten auf mindestens ein halbes Jahr, in dem Tim sie nicht in den Wahnsinn treiben würde. DAS WAR GUT!!!

Satt und zufrieden strich sie sich über ihren Bauch. Er war in den letzten zwei Wochen riesig geworden.

Es fühlte sich an, als würde das Kind in ihm eine Party feiern. Sie strich sich weiter über die Kugel, dessen Bewohner sie jetzt schon so liebte. Vielleicht freute sich das Kind auch  über Tiermedizin und tobte deshalb so? Sie schmunzelte wieder. Wahrscheinlicher war es aber so, dass es ihm langsam langweilig wurde  Diana hatte ja den ganzen Abend gesessen, und der kleine Randalierer wollte endlich wieder durch die Gegend geschaukelt werden.

Diana hatte den Vater des kleinen Wesens sogar eine Zeit lang geliebt. Sie waren eineinhalb Jahre lang ein Paar gewesen. Bis sie vor über 27 Wochen entdeckte, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Er hatte sie zuerst ausgelacht und wollte ihr nicht glauben,  sie hätte schließlich verhütet!  Dann aber hatte er ihr kalt erklärt, dass ein Kind unter keinen Umständen in sein Leben passe.  Danach hatte er in seinem Handy nach einer Nummer gesucht, sie auf einen Zettel geschrieben und ihr gegeben.

„Hier die Nummer von einem Freund,“  hatte er gesagt, „er regelt solche Dinge, du musst nur in seine Praxis nach Ulm fahren. Das Kind ist ganz schnell weggemacht  Komm wieder, wenn das geregelt ist. Vorher möchte ich dich nicht sehen.“

 Diana  hatte mit vielen Reaktionen gerechnet. Sie hatte gehofft, er würde sich freuen, war aber auch darauf vorbereitet, dass es ein Schock für ihn sein könnte. Diese Reaktion war für sie jedoch undenkbar gewesen und erschütterte sie zutiefst. Sie wollte das Kind!

 Noch am selben Abend zog Diana aus der gemeinsamen Wohnung aus  Nur das Nötigste nahm sie mit  -  vielleicht würde er es sich noch anders überlegen? Bevor sie ging, schrie er sie noch an, das Kind würde sein Leben zerstören.

 Ihr guter Freund Tim nahm sie vorerst auf. Sie wollte die Hoffnung auf eine Versöhnung nicht aufgeben. Einige Wochen hörte sie nichts von ihm. Bis sie einen Brief bekam. Er schrieb, dass er an seiner Karriere als viel versprechender Anwalt arbeitet. Dass die Kanzlei seines Vaters, in die er eingestiegen war, keine unehelichen Kinder tolerieren würde. Sein Vater würde ihm nicht erlauben, die  Kanzlei in einigen Jahren zu übernehmen, sollte er ein uneheliches Kind haben. So etwas passe nicht in das Weltbild des alten, verbohrten Mannes. Er schrieb auch noch,  dass er sie zu keinem Zeitpunkt genug für eine Ehe geliebt hätte.

Das war das Ende. Natürlich war Diana am Boden zerstört. Sie hatte sich eineinhalb Jahre auf einen Mann eingelassen, der offensichtlich keinerlei ernsthaftes Interesse an ihr hatte! Nach diesem Brief hörte  sie nichts mehr von ihm. 

Eines Morgens fand  sie dann in Tims Briefkasten seinen  Haustürschlüssel , ohne weitere Erläuterung, aber es war deutlich genug: sie sollte ihre Sachen abholen. Mit Tim an ihrer Seite war sie zwei Tage später in die  Wohnung gefahren.  Aber  -  die Wohnung war leer!  Keine Möbel, keine Kleidung, nichts von ihren Sachen, alles war weg! Lediglich eine Kiste mit  ihren Policen und Unterlagen stand im Wohnzimmer.

Diana beschloss endgültig, das Kind zur Welt zu bringen, auch ohne Vater. Wie hätte sie sich anders entscheiden können? Sie liebte das kleine Wesen doch schon vom ersten Augenblick an. Seitdem waren siebenundzwanzig Wochen vergangen. Sie war nun in der 33 Schwangerschaftswoche.

Das Grollen des Donners wurde  lauter, und langsam kam ein frischer, wohltuender Wind auf. Diana sah Tim an.„Wenn wir noch trocken nach Hause kommen wollen, dann sollten wir jetzt langsam los.“ Tim nickte. 

Er war in der Zeit ihrer Schwangerschaft immer für sie da gewesen.  Er hatte ihr geholfen, eine neue Wohnung zu finden, hatte mit ihr renoviert und war ihre persönliche Stütze. I