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Geschrieben von Lunulae am Montag, 29. September 2008
 Kurzgeschichten

Dunkelheit. Seine Hände zitterten, ertasteten die Rundungen, die sich an seinen Körper zu schmiegen schienen. "Der Wille ist da." schoß es ihm durch den Kopf. Kalt und fest, rann es zwischen seinen Fingern. "Es fehlt mir an Überzeugung!". Seine Gedanken vertieften sich. Das linke Bein verdrehte sich um sich selbst. Die Fußspitze windete sich, wie eine Schlange, über die Fläche. "Unsicherheit ist der Begleiter des Forschenden", erinnerte er sich an die Worte seines Lehrers. Nach neuem Halt suchend, schwang sich seine Fußspitze durch das gähnende Nichts. Seine Hände verkrampften sich, nun kam doch die Angst in ihm hoch. "Ich darf doch nicht versagen!". Seine Stirn legte sich in Falten. Die Lippen brachten keinen Ton heraus. Ein kühler Windstoß streifte sein Gesicht. Er schloß die Augen vor der Dunkelheit und versuchte das Stimmenwirrwarr in seinem Kopf zu sortieren.

"Ihre Stimme klingt so zart". Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an sie dachte. Aber dort waren noch andere Stimmen, Stimmen die ihn warnten. Vor Schwierigkeiten die aus dem Nichts auftauchen, Gefühlen die einander verletzen und Ventilen, die alles nur verschlimmern würden. Vorsichtig löste er eine Hand aus der krampfhaften Haltung, während sich die andere, nur noch fester, in das eigene Fleisch zu pressen schien. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!".

Er mußte auflachen, bei dem Gedanken an seinen Vater. Er fing mit der gelösten Hand die Träne auf, die ihm zuvor über das Gesicht rann. Seine Gedanken fingen sich wieder, er wirkte nur noch halb so verkrampft als zuvor. "Meine Tränen sind rar geworden". Er hätte seinen Gedanken fortsetzen können. Doch auch ohne Tränen kehrte sein Vater damals nicht zurück. Seither hatte er die Tränen seiner Mutter gezählt. Wie hätte er von ihr verlangen können, nun auch seine Tränen zu trocknen? Seine Knie gaben nach, der Oberkörper glitt nahezu lautlos in sich zusammen.

Den Kopf gesenkt, kam es flüsternd von seinen Lippen: "Mein Herz stellt mich auf die Probe". Er ließ es sprechen und verschloß sein Gehör den Stimmen, die ihm ja doch nur ihm fremde Bilder zeigten. Nostalgisch wirkte das von ihn Gesehene und erlebte nun. Ein Stummfilm, der neu synchronisiert werden konnte. "Sie hat mir den Kopf verdreht!". Wie hypnotisiert, richtete er seinen Körper wieder auf. Sein Griff wirkte nicht mehr verspannt, hatte auch wieder genug Kraft, sich an dem Gebälk zu halten. Mit langsamen Bewegungen ließ er seinen Kopf kreisen. Zur Schulter, in den Nacken, über die andere Schulter, wieder an seine Brust. Er spürte jeden einzelnen Halswirbel, aber auch einen leichten Schwindel, den er fortzuschütteln versuchte. "Sie hat mein Herz durch ihre Worte bewegt, ich war blind vor ihren Zügen". Aggressiv ließ er seinen Kopf nun gegen beide Schultern schlagen. Ihre Stimme schien in den Gehörgängen zu dröhnen. Schmerzhaft verzog sich sein Gesicht. Sie klang nun höher, verwandelte sich in ein schrilles Quieken. Die Füße verloren den Halt. "Nein!".

Sein Aufschrei verbannte ihre schönen Worte. Mit der Kraft seiner Hände, fing er sich wieder. Tiefe Atemzüge gaben ihm neue Luft. Schweißperlen liefen über die Stirn. Erschöpft spürte er den Boden unter seinen Füßen. Seinen Körper ließ er behutsam die Fläche heruntergleiten. "Ich bin frei!". Einige Regentropfen beleckten sein Gesicht. Seine Hände griffen nach der Schlaufe im Nacken und lösten die Augenbinde.

Vorsichtig blinzelte er in die Morgensonne. Er schaute sich um. Als er den Regenbogen entdeckte, huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Er rollte seinen Körper durch das Gras und blieb mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen. Tief atmete er den frischen Duft der Natur ein. Die Tautropfen auf dem Gras, rannen zwischen seinen Fingerspitzen. Ein Blick zum Beet. Die ersten Knospen der Strauchrosen waren aufgesprungen. Er richtete sich auf die Beine. Vorsichtig pflückte er eine Rose von saftigem Rot. "Wie schön sie doch ist". Sanft atmete er ihren zarten Duft ein. Ein kurzer Schmerz entriss ihm seine Träume. Er führte seinen Finger zu den Lippen. Bedächtig schritt er einige Meter. Dann legte er seine Rose auf den Sims des Fensters, aus dem er zuvor gesprungen war.

"Es bedarf keiner Worte und Taten Dich zu lieben". Lächelnd kehrte er zurück.


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