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xxDie Puppe
Geschrieben von Lunulae am Montag, 29. September 2008
 Kurzgeschichten

Das gleißende Licht der Sonne, spiegelt sich auf der Oberfläche, des weitläufigen Aueteiches. In regelmäßigen Abständen, bricht es sich im seichten Schlag der Wellen. Meine Beine baumeln in dem klaren Gewässer, welches sanft meine bloßen Zehen umspielt. Nachdenklich betrachte ich Monique, die, mit geschlossenen Augenlidern, auf meinem Schoß ruht. Traurigkeit steigt in mir auf, aber mir gelingt es nicht, auch nur eine einzige Träne zu vergießen. Die Erinnerung an damals steigt in mir empor, während ich mich zurücklehne und ebenfalls die Augen schließe. Wie soll ich denn auch die Welt des Erwachsenen verstehen, wenn niemand mir sagen mag, wie ich sie erfahren kann?

Noch immer spüre ich das sanfte Wiegen des Teiches, und erahne schemenhaft die Silhouette meiner Füße. Dieses Bild erscheint mir verzerrt, je intensiver die Bewegung der Wellen das Ufer umspülen. Unter meinen Naturlocken winden sich die Gedanken, wie verloren gegangene Fragen, die unbeantwortet blieben, wenn sie nicht beantwortet werden konnten. "Du wirst noch früh genug erwachsen.", pflegten meine Eltern zu sagen. Also befriedigte ich meine Neugierde, indem ich, zumeist unbemerkt, die einzelnen Salons der Erwachsenen betrat.

Mein Vater saß an seinem Schreibtisch. Groß und mächtig, breitet sich dieser vor mir im Raum aus. Das massive Holz verdeckt mir die Sicht auf Vater. Vertieft in seine Arbeit, bemerkt er mich nicht. Wenn ich meine kleinen Hände fest an die Tischkante klammere, und mich auf die Zehenspitzen richte, schiebt sich meine Stupsnase geradewegs über sie hinweg. Groß schauen meine blauen Kulleraugen mit einem Wimpernschlag hinter dem Schreibtisch hervor, doch mein Vater bemerkt mich noch immer nicht. Ich versuche mich höher zu ziehen, bis sich meine Zehenspitzen vom Boden lösen – und ich unsanft auf dem schweren Holzboden lande. In diesem Moment, schreckt Vater auf und springt eilig vom Stuhl zu mir herüber. Mein Gewimmer findet ein Ende, als er mich liebevoll auf den Arm nimmt, um meine Tränen zu trocknen. Ich schmiege mich an seine Schulter, als seine Stimme ertönt: "Geh doch mit Deinen Puppen spielen. Daddy hat noch viel Arbeit.". Ehe ich mich versehe, hat er mich aus seinen Armen gelöst und ich finde mich auf dem Flur wieder.

Für einen Moment schaue ich irritiert auf den nun verschlossenen Salon, bis ich die Türe zu Mutters Schlafraum, einen Spalt breit geöffnet erblicke. Freudig hüpfe ich über den Korridor und schiele in den Raum hinein. Mummy war nicht zu sehen, also laufe ich geradewegs auf ihre Frisierkommode zu. Mit bewundernden Blick, betrachte ich die geschwungenen Beine des Marmorschemels, welcher aus dem Boden zu wachsen scheint. Der blassrote Samtbezug streichelt die Innenflächen meiner Hände, als ich, ähnlich einer kleinen Robbe, hinaufklettere. Meine Augen strahlen wie das Tageslicht, als ich die schönen Farben der Kosmetika erblicke. Fein säuberlich sortiert, liegen die Utensilien neben dem großen Brokatspiegel. Ein Blick in den Spiegel, zaubert mir Neugierde in das Gesicht. Behutsam wie eine Schatzkiste, öffne ich die gläserne Schatulle, und tippe mit meinem kleinen Finger in die rosarote Creme.

Gerade versuche ich meine Lippen mit diesem Ton zu färben, als meine Nanny hinter dem Paravent hervorkommt. Sie erblickt mich, halb auf der Kommode liegend, und lässt vor lauter Schreck das Füllgefäss fallen. Es zerspringt in tausend Scherben und verteilt sich, mitsamt dem übrigen Badewasser im Raum. Verzweifelt über das Geschehen, schlägt die gute Nanny die Hände vor das Gesicht, um dann sorgsam über das Zerbrochene zu tapsen. Zu allem Mißgeschick, rutscht sie noch auf der Stelle aus, und schlendert mit rudernden Armen und weit aufgerissenen Augen über das Parkett. Das Unglück nimmt weiter seinen Lauf, als sie im Gleiten den Paravent mitreißt. Mit einem schrillen Aufschrei, wird Mummy mit völliger Blöße sichtbar. Ahnend über das folgende Gezeter, nehme ich meine Lieblingspuppe aus der Wiege, und renne hinaus.

Unsanft reißt mich ein gellender Pfiff aus meinen Tagträumen, doch noch immer wiegt sich der Teich in sanften Wogen. Nur zeichnet sich die Kontur meiner Füße deutlicher im klaren Wasser ab. Ich beuge mich über Monique und hebe Sie vorsichtig in meine Arme. Sie öffnet ihre Augenlider und ihre Pupillen schillern in allen drei Farben. Mir fällt der Satz meiner Mutter wieder ein, daß sich in der Augenfarbe die Seele des Menschen widerspiegelt. Wie Recht Sie doch hatte, Monique als eine ganz besondere Puppe zu bezeichnen. Ist es nicht der Ausdruck der Augen, der die Schönheit der Kinder ausmacht?

Ich drücke Monique einen Kuss auf, und ein wenig Lipgloss bleibt auf Ihrer Porzellanhaut zurück. Nahezu im selben Moment, spüre ich die feuchtwarme Zunge Enzos auf meinem Gesicht. Gleich darauf, schüttelt sich der Golden Retriever das kühle Wasser aus seinem Fell, und ein Tropfen Feuchtigkeit läuft Monique über die Wange. "Enzo", lache ich freudig auf, und kraule ihn hinter dem rechten Ohr, was er sichtlich genießt. "Mußtest Du lange warten, Püppchen?" Noch lange spazierten wir an diesem Tag an den Grachten der Orangerie entlang.


 

Die Puppe

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