Statistik
Wir hatten
15 319 571
Seitenzugriffe seit Juli 2002

81 Web-Links
5 576 * besucht

7 Files wurden
65 * gesaugt

Dateien:
17,04 MB
xxEndlich Urlaub!
Geschrieben von holzwurm am Samstag, 02. Dezember 2006
 Kurzgeschichten Der Wagen hat schon einige Jährchen auf dem Buckel. Ein alter Lada-Kombi; preiswert erstanden und mit frischer TÜV-Plakette. Es ist abends neun Uhr. Ein letzter Kaffe in meinem Lieblingsbistro und dann geht es los. Ich fahre gerne nachts, die Autobahn ist dann frei und die laue Luft erfrischt beim Fahren. Der Himmel ist sternenklar, aber irgendwo gibt es ein Wetterleuchten. In unregelmäßigen, größeren Abständen, kaum auszumachen, zuckt ein schwacher Lichteschein von irgendwo her. Da, schon wieder! Ganz allmählich steigt in mir ein Verdacht hoch. Tatsächlich, diese schwachen Blitze kommen aus der Nähe der Lenksäule. Die Sicherungen schießt es mir durch den Kopf, dort ist der Sicherungskasten. Mitten in der Nacht, mutterseelenallein, mit knappem Geldbeutel, das kann ja heiter werden. Ich lauere auf Störungen oder ungewöhnliche Geräusche, aber der Wagen fährt ruhig und ich komme gut voran. Irgendwann zucken auch keine Lichtblitze mehr. Ich werde ruhiger, das kann nichts Lebenswichtiges gewesen sein, der Lada gilt als sehr robust. Um die Sicherungen werde ich mich bei Tag kümmern. Nach einer halben Stunde aber kriecht die Müdigkeit in mir hoch, auch lassen mir die durchgebrannten Sicherungen keine Ruhe. Mein Entschluß steht fest, ich mache eine Pause und repariere die Sicherungen jetzt, wer weiß, was noch alles auf mich zukommt. Am nächsten beleuchteten Rastplatz fahre ich von der Autobahn ab. Aus einem Abfallkorb fische ich eine zerknüllte Zigarettenschachtel und reiße das Staniolpapier heraus. Der Sicherungskasten befindet sich an einer leicht zugänglichen Stelle neben der Lenksäule; man merkt, dieses Auto haben Praktiker gebaut. Einen dünnen Streifen Staniolpapier lege ich über die Länge der Sicherung und klemme die Enden in die Halterungen. Bis jetzt hatte ich so etwas nur vom Hörensagen gekannt, morgen werde ich feststellen, ob alles wieder in Ordnung ist. Je weiter man sich von Paris entfernt und je mehr man sich dem Mittelmeer nähert, desto häufiger kann man beobachten, daß sich viele Fahrer und ihre Beifahrer während der Nachtfahrten auf den Rasenstücken der Rastplätze ausruhen. Jeder packt eine Decke aus, und wo man gerade geht und steht, legt man sich nieder und ruht sich aus. Mich erinnern diese Szenen an ein Bild von Bruigel, auf dem er das Schlaraffenland darstellt. Über uns wölbt sich ein sternenüberfluteter Nachthimmel, wie er nur im Süden zu finden ist. Mit diesem herrlichen Bild vor Augen suche ich mir auch einen Schlafplatz bei Mutter Natur und werde erst wach, als die Sonne auf meinen Arm sticht. Nun folge ich dem Rhonetal in Richtung Avignon, verlasse dort die Autoroute du Soleil und ab jetzt lenkt der Zufall meinen Wagen. Er führt mich durch traumhaft schöne Landschaften und erst wenn ich an Ort und Stelle bin, schlage ich in meinem kleinen, aber feinen Reiseführer nach, um festzustellen, wo ich mich befinde. Das ist eine spannende Art, meine Art, Urlaub zu machen. Die Straße führt mich in die Berge. Je höher ich komme, desto schmaler wird sie und desto rauher wird der Straßenbelag, bis sie schließlich zu einem Weg aus grobem Schotter wird. Unter einem überhängenden Felsen, höhlengleich - hat jemand aus Felsbrocken einen Tisch und zwei Sitze geformt. Eine gute Stelle für mein Mittagessen und sogar den Wagen kann ich unter diesem Felsüberhang unterbringen. Diese urhafte Landschaft hat es mir angetan, hier bin ich zuhause. Nach dem Essen baue ich meine Hängematte auf, rolle mich hinein und genieße diese Stille, während ich beim sanften Schaukeln vor mich hindöse. Friedlich ist es hier, hier möchte ich bleiben. Mittlerweile ist die Luft feucht und stickig, in das freundliche, strahlende Blau mischt sich ein bleierner Farbton. Es ist still, so still, daß ich das feine, singende Rauschen des Flügelschlages eines Vogels hören kann. Ich blinzele zu einer Krähe hinüber, die träge das Tal durchstreift. Ab und zu löst sich im gegenüberliegenden Steilhang ein Steinchen aus der Geröllhalde, kullert und klickert kaum hörbar ein kleines Stück abwärts, um dann in der Gluthitze unter Seinesgleichen erschöpft liegen zu bleiben. Ich muß eingeschlafen sein, denn in der Zwischenzeit hat die Natur eine Palette von Pastelltönen angerührt, die schön anzuschauen wären, wäre da nicht am Himmel dieser drohende Grauton der Wolken, die von einem scharfen, strahlenden Weiß umrahmt werden. Mittlerweile ist die Luft noch schwüler und knistert spannungsgeladen, ein Gewitter droht. Verschlafen suche ich meine Sachen zusammen und verstaue alles im Wagen. Von meiner gemütlichen Höhle aus, will ich das kommende Schauspiel genießen. Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke. Eine ganze Weile ging mir schon durch den Kopf, wer sich die Mühe gemacht haben könnte, diesen Schutzraum anzulegen und schwelgte in meiner Phantasie in der Steinzeit. Wahrscheinlicher aber war mir plötzlich, daß es sich hier um einen Kolk handeln könnte, der entsteht, wenn die Kraft des Wassers in der Biegung eines Baches den Fels auswäscht. Ich bin in einem ausgetrockneten Bachbett schießt es mir durch den Kopf, ich muß hier weg sein, wenn das Wasser kommt. Mittlerweile mischt sich die Abenddämmerung mit der Dunkelheit der schweren Gewitterwolken. Rasch wird es finster. Ich starte den Wagen, aber aus der Motorhaube dringt nur ein helles Sirren. Der Anlasser dreht sich nur mühsam, hat nicht die Kraft, den Motor anzuwerfen und nach einem letzten, klackenden Geräusch bleibt alles still. Anscheinend ist der Akku leer. Zum Glück steht der Wagen an einer abschüssigen Stelle. Ich löse die Handbremse und während das Fahrzeug anrollt, drehe ich den Zündschlüssel und lege den zweiten Gang ein. Die Zündleuchten glimmen, mit einem Ruck lasse ich die Kupplung springen, der Motor setzt sich in Gang. Ein Stein fällt mir vom herzen, ich wende den Wagen und fahre bergauf, vorbei an meiner schönen Höhle. Weiter windet sich der Pfad auf dem blanken Fels durch das dunkle Tal, die Finger der Scheinwerfer zeigen immer wieder ins Leere, wenn eine scharfe Kehre kommt. Blitze durchzucken die Schwärze und wenige, erste schwere Tropfen klatschen auf die Windschutzscheibe. Bald prasselt der Regen heftig auf die Scheiben und danach trommeln walnußgroße Hagelkörner auf das Blech. Im ohrenbetäubenden Lärm sehe ich kaum die Hand vor Augen. Blitze zerreißen die Dunkelheit, blenden mich und der Donner betäubt meine Ohren. Kaum ahne ich, wohin ich fahre. Windböen rütteln und zerren am Wagen, die Steigung fordert dem nassen Gummi der Räder alles ab und manchmal krallen sie sich vergeblich in den Fels und sie drehen durch. Diese Naturgewalten fordern meine volle Aufmerksamkeit, nur mühsam lenke ich den Wagen durch das Gebirge, bis, fast nicht überraschend, der Motor abstirbt, einfach ausgeht. Das wars! Der Sturm pfeift nun umso lauter um die Karosserie, Wasserschwälle peitschen die Scheiben, ich bin erschöpft. Blitzschläge zischen, peitschen, knallen von allen Seiten gleichzeitig durch das Gebirge, die Echos aus den Tälern häufen drohendes Donnergrollen an und bringen die Felsen zum beben. Die Furcht, von einem der Blitze zerschmettert zu werden, wächst sich zur Angst aus. Zu sehr stürmt alles gleichzeitig auf mich ein. Als ich erwache, ist es früher Morgen. Die Luft ist kalt, klar, feucht, der Himmel hat sein Blau wieder gefunden. In der Nacht bin ich auf einem Bergkamm zum stehen gekommen. Hinter mir das enge Tal, durch das ich mich in dem Unwetter der vergangenen Nacht über die felsigen Serpentinen nach oben gekämpft habe, vor mir ein abschüssige, schmal gewundene, asphaltierte Straße, die den Blick zu einem kleinen Dorf lenkt, das wie ein Schwalbennest an den Felsen klebt. Ohne den Motor zu starten, lasse ich den Wagen abwärts rollen und lenke ihn mit einem letzten Schwung in eine kleine Felsnische. "Gordes " lese ich auf dem verwitterten Ortsschild. Mit klammen Gliedern suche ich den Marktplatz. So früh ist noch keiner auf den Beinen, eine gute Gelegenheit, mich ungestört umzusehen. Ein abgeblätterter, ehemals weißer Pfeil auf einem kaum lesbaren Schild führt mich schließlich zu einem schloßähnlichen Gebäude. "Musée Vasarely" entziffere ich. Es durchfährt mich freudig, davon hatte ich schon gehört, wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dieses Museum in einem Bergdorf zu vermuten.

Endlich Urlaub!

Keine anonymen Kommentare möglich, bitte zuerst anmelden

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.


Einstellungen
Artikel Bewertung
Ergebnis: 0
Stimmen: 0

Bitte nehmen Sie sich die Zeit und bewerten diesen Artikel:
Excellent
Sehr gut
Gut
Okay
Schlecht

Verwandte Links

Der meistgelesene Artikel zu dem Thema Kurzgeschichten: