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xxSpiegelbilder
Geschrieben von sentinel am Montag, 30. Januar 2006
 Kurzgeschichten Für die Einen ist es nur eine Geschichte aus längst vergangener Zeit, für Andere ist es Erinnerung. Ein Dritter, unscheinbar, schaut in einen Spiegel...
Fernab von Zeit und Raum regierte einmal ein junger König ein kleines Königreich. Er war kein König, wie wir ihn aus den vielen Geschichten kennen, die uns aus dieser Zeit geblieben sind. Niemand sah jemals auch nur ein Lächeln, oder eine Träne auf seinem Gesicht. Wenn er schweigend in seinem prächtigen Garten spazieren ging, schien der Zauber dieses Wunderwerkes spurlos an ihm vorüberzugehen. Eines Morgens blieb er bei seinem Spaziergang stehen, und beobachtete den Gärtner bei der Arbeit. Er bemerkte nicht, dass seine linke Hand, fast zärtlich, den Kelch einer blutroten Rose streichelte. Der alte Gärtner, der schon in des Königs Vaters Dienste stand, bemerkte dieses zwar, doch schwieg er dazu. Tief verneigte er sich vor seinem Herrn. "Wenn eure Majestät erlauben, möchte ich euch etwas zeigen.", und wies mit der Hand auf eine kleine Baumgruppe. "Er soll vorausgehen.", sprach der König. Der Gärtner tat, wie ihm geheißen, und der König folgte ihm. Dort angekommen, bog der Gärtner ein paar Zweige beiseite und wies ins Innere. "Nach euch, Majestät." Der König trat hindurch, und stand vor einem riesigen schwarzen Stein, der ihn wohl um einiges überragte. Der Gärtner, der ihm gefolgt, zeigte auf die andere Seite des Steins. "Hier entlang, eure Majestät." Als der König um den Stein herumging, stand er plötzlich vor einem mannshohen kristallenen Spiegel, umrahmt von feinen Ornamenten, die kunstvoll in den Stein gehauen waren. "Euer Vater kam oft hierher, niemand sonst kennt diesen Ort.", sprach der Gärtner, und mit einer kurzen Verbeugung ließ er den König allein. Am Abend rief der König seinen Diener Johann, den gleichfalls er sich hatte zum Getreuen auserwählt. "Helfe er mir, mich unters Volk zu mischen, ohne dass mich wer erkennt! Ich wünsch zu wissen, wie es denkt." Sogleich verließ Johann das Gemach des Königs, um wenig später mit einem Bündel in der Hand zurückzukehren. "Wenn ihr dies hier tragt, wird niemand mehr in euch seinen König sehen. Doch, habt ihr euren Plan auch wohl bedacht?" Wenig später verließ der König, in grobes Leinen gehüllt, die Kapuze der schwarzen Kutte tief ins Gesicht gezogen, das Schloss. Die Straßen waren still und menschenleer. Nur aus dem Wirtshaus drang Musik und lautes Gelächter. Als er eintrat, würdigte ihn niemand auch nur eines Blickes, und so setzte er sich an einen kleinen Tisch in der Ecke. Den Kopf gesenkt, die Kapuze noch immer tief ins Gesicht gezogen saß er da, und lauschte dem Geschehen. Doch so sehr er sich auch mühte zu verstehen, was sein Volk so amüsiert, er blieb ein Fremder. Nach einer Weile setzte sich eine junge Magd zu ihm an den Tisch. "Ihr seid fremd hier. Setzt euch zu uns herüber, und feiert mit uns. Es wird euch gut tun." Er winkte ab, und ohne den Kopf zu heben sagte er, "Bring sie mir einen Krug Wein. Vom Besten. Ich zahle gut." Die Magd wunderte sich über den seltsamen Fremden, doch entsprach sie seinem Wunsch. So verrannen die Stunden, der Morgen graute, und noch immer wurde im Wirtshaus kräftig gefeiert. Nur der König saß allein an dem kleinen Tisch in der Ecke und blieb der geheimnisvolle Fremde. Am nächsten Abend verließ der König wiederum das Schloss, und ging hinunter zum Wirtshaus. Wieder war die Stimmung gut, und die Musikanten spielten zum Tanz. Nur der kleine Tisch in der Ecke war noch frei, doch stand dort schon ein Krug mit gutem Wein. Er setzte sich wie am Abend zuvor an diesen kleinen Tisch, und wieder kam wenig später die Magd zu ihm. "Wollt ihr wieder Trübsal blasen? Setzt euch herüber, und feiert mit uns." Sie fasste ihn am Arm und zog ihn hinüber zu den anderen. Einen kurzen Augenblick schaute er ihr tief in die großen braunen Augen, und ließ es geschehen. Er trank und feierte mit den anderen, und manchmal war sogar ein kleines Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Als der Morgen graute, verließ er ohne ein Wort das bunte Treiben. Die nächtlichen Ausflüge hatten ihn arg mitgenommen, und auch der viele Wein machte ihm zu schaffen. So begab er sich, im Schlosse angekommen, sogleich zur Ruh. Im Traum ging er im Garten spazieren, doch fiel im jeder Schritt unsagbar schwer. Die Glieder schmerzten, und auch im Magen war ihm nicht wohl. Da stand plötzlich eine Gestalt in einem langen Kleid aus weißer Seide vor ihm. Das Gesicht verdeckte eine schwarze Larve. Wie versteinert stand der König da. "Wer bist du?", fragte er, "Ich weiß, ich kenne dich." Doch die Gestalt antwortete nicht. Schweigend berührte sie ihn mit ihrer Hand dort, wo das Herz liegt. Ein eisiger Blitz durchfuhr des Königs Leib, dann war sie verschwunden. Sonderbar war, dass er nun auch keine Schmerzen mehr verspürte. Er schüttelte den Kopf und setzte seinen Spaziergang fort. Sein Weg führte ihn geradewegs zu den Bäumen, in deren Mitte der Spiegel stand. Dann erwachte er aus seinem Traum. Als der Abend heranbrach, ging er wieder hinunter zum Wirtshaus. Wieder setzte er sich an den kleinen Tisch in der Ecke, auf dem bereits ein Krug mit gutem Wein stand. Als die Magd zu seinem Tisch kam und ihn erneut bat, sich mit zu den anderen zu setzen, hielt er sie am Arm fest. "Trink einen Becher Wein mit mir, und erzähl mir ein wenig mehr von dir.", bat er sie, und schaute ihr dabei tief in die Augen. Die Magd lächelte und willigte ein. So verging auch jener Abend schnell, und als der Morgen graute sprach er, "Ich muss jetzt fort. Heute Abend komme ich wieder." Wieder lächelte die Magd und nickte. "Ich weiß!" Immer öfter ging der König nun des nachts hinunter zum Wirtshaus. Trank, erzählte und feierte mit den anderen. Und immer öfter träumte er von dieser Frau, die ihn jedes Mal von seinen Schmerzen heilte. Doch maß er diesem keinerlei Bedeutung bei. Auch nicht dem, dass die Frau in seinem Traum jedes Mal ein anderes Kleid trug. Zuerst fiel es ihm kaum auf, das zarte rosa, das sich von dem weiß nur wenig unterschied. Dann trug sie ein Kleid aus leuchtend roter Seide. Eines nachts jedoch stand er im Traum allein im Garten. Er suchte überall nach ihr, doch jeder Weg den er entlang lief, endete vor jenen Bäumen. Sie aber blieb verschwunden. Mühsam kämpfte er sich durch die Zweige in das Innere. Die Glieder schmerzten, und schwerlich nur konnte er sich auf den Beinen halten. Doch als er vor den Spiegel trat, sah er nicht sein Spiegelbild. Was er im Spiegel erblickte, war jene Frau, die ihm schon so oft begegnete. Sie trug ein Kleid aus blutrotem Samt. Jetzt wusste er auch plötzlich, woher er diese Frau kannte. Am nächsten Morgen fand der treue Johann den König tot im Garten. Auf seiner Brust lag eine blutrote Rose.

Spiegelbilder

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