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xxDer Tannenbaum
Geschrieben von firestarter am Sonntag, 19. Dezember 2004
 Feiertage Draußen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum, er
hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war
genug da und ringsumher wuchsen viel größere Kameraden, sowohl
Tannen als auch Fichten. Aber dem kleinen Tannebaum schien
nichts so wichtig wie das Wachsen, er achtete nicht der warmen
Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die
Bauernkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie
herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu
sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten
Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich
neben den kleinen Tannenbaum und sagten:" Wie niedlich klein ist
der!" Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahr war er ein langes Glied größer und das Jahr
darauf war er um noch eins länger, denn bei den Tannenbäumen
kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie
viele Jahre sie gewachsen sind.

"Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die andern!" seufzte
das kleine Bäumchen. "Dann könnte ich meine Zweige so weit
umher ausbreiten und mit der Krone in die Welt hinausblicken! Die
Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen und
wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die
andern dort!" Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den
Vögeln und den roten Wolken, die morgens und abends über ihn
hinsegelten.

War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß,
so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den
kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter
vergingen und im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase
um es herumlaufen musste. "Oh, wachsen, wachsen, groß und alt
werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!" dachte
der Baum.

Im Herbst kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten
Bäume, das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der
nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei, denn die großen,
prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die
Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und
schmal aus, sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden
sie auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie davon, aus dem Wald
hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?

Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der
Baum: "Wisst ihr nicht wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen
begegnet?"

Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenkend
aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: " Ja, ich glaube wohl, mir
begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog, auf den
Schiffen waren prächtige Mastbäume, ich darf annehmen, dass sie
es waren, sie hatten Tannengeruch, ich kann vielmals von ihnen
grüßen, sie sind schön und stolz!"

"Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren
zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es
aus?" Ja, das ist viel zu weitläufig zu erklären!" sagte der Storch
und damit ging er.

"Freue dich deiner Jugend!" sagten die Sonnenstrahlen, "freue dich
deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!" Und
der Wind küsste den Baum und der Tau weinte Tränen über ihn,
aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge Bäume
gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit
diesem Tannenbäumchen waren, der weder Rast noch Ruhe hatte,
sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume und es waren
gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige, sie
wurden auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie zum Wald hinaus.

"Wohin sollen dies?" fragte der Tannenbaum. "Sie sind nicht größer
als ich, einer ist sogar viel kleiner, weswegen behalten sie alle ihre
Zweige? Wohin fahren sie?"

"Das wissen wir! Das wissen wir!" zwitscherten die Meisen. "Unten
in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin
sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die
man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und
erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit
den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen,
Spielzeug und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.

"Und dann?" fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen.
"Und dann? Was geschieht dann?" "Ja, mehr haben wir nicht
gesehen! Das war unvergleichlich schön!" Ob ich wohl bestimmt bin,
diesen strahlenden Weg zu betreten?" jubelte der Tannenbaum.
Das ist noch besser als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an
Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und
entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahr davon geführt wurden!
Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen
Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann
kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie
mich sonst schmücken? Es muss noch etwas Größeres,
Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich, ich
weiß selbst nicht, wie mir ist!"

"Freue dich unser!" sagten die Luft und das Sonnenlicht, "freue dich
deiner frischen Jugend im Freien!"

Aber er freute sich durch aus nicht, er wuchs und wuchs, Winter
und Sommer stand er grün, dunkelgrün stand er da, die Leute, die
ihn sahen, sagten: "Das ist ein schöner Baum!" und zur
Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief
durch das Mark, der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er
fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an
irgendein Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu
müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war, er
wusste ja, dass er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche
und Blumen ringsumher nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht
einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches.
Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern
Bäumen abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: "Dieser hier
ist prächtig! Wir wollen nur den!"

Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannebaum
in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen
Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische
Vasen mit Löwen auf den Deckeln, da waren Wiegestühle, seidene
Sofas, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für
hundertmal hundert Taler, wenigstens sagten das die Kinder. Der
Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt,
aber niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde
rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen,
bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was würde da wohl
vorgehen? Sowohl die Diener als die Fräulein schmückten ihn. An
einen Zweig hängten sie kleine, aus farbigem Papier
ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt.
Vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie
festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine
Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft
wie die Menschen aussahen - der Baum hatte früher nie solche
gesehen -, schwebten im Grünen und hoch oben in der Spitze
wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz
außerordentlich prächtig!

"Heute Abend", sagten alle, "heute Abend wird er strahlen!" und sie
waren außer sich vor Freude.

"Oh" dachte der Baum, "wäre es doch Abend! Würden nur die
Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl
Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen
gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und
Winter und Sommer geschmückt stehen werde?"

Ja, er wusste gut Bescheid, aber er hatte ordentlich
Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind
für einen Baum ebenso schlimm wie Kopfscherzen für uns andere.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz, welche Pracht!
Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter
das Grüne anbrannte, es sengte ordentlich.

"Gott bewahre uns!" schrieen die Fräulein und löschten es hastig
aus. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein
Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren, er
war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren
auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den
ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach.
Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann
jubelten sie wieder, dass es laut schallte, sie tanzten um den Baum
herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt und
verteilt.

"Was machen sie?" dachte der Baum. Was soll geschehen?" Die
Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter und je nachdem
sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht und dann erhielte die
Kinder die Erlaubnis den Baum zu plündern. Sie stürzten auf ihn zu,
dass es in allen Zweigen knackte, wäre er nicht mit der Spitze und
mit dem Goldstern an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er
umgefallen.

Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, niemand
sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, das
zwischen die Zweige blickte, aber es geschah nur, um zu sehen, ob
nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.

"Eine Geschichte, eine Geschichte!" riefen die Kinder und zogen
einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin und er setzte sich
gerade unter ihn, "denn so sind wir im Grünen", sagte er, "und der
Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich
erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die
von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch
erhört wurde und die Prinzessin bekam?"

"Ivede-Avede!" schrieen einige, "Klumpe-Dumpe!" schrieen andere.
Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und
dachte: "Komme ich gar nicht mit werde ich nichts dabei zu tun
haben?" Er hatte ja geleistet, was er sollte.

Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel
und doch erhört wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder
klatschten in die Hände und riefen: "Erzähle, erzähle!" Sie wollten
auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur
die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und
gedankevoll, nie hatten die Vögel im Wald dergleichen erzählt.
Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die
Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!" dachte der
Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil ein so netter Mann
es erzählt hatte. "Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter
und bekomme eine Prinzessin!" Und er freute sich, den nächsten
Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten und dem
Stern von Flittergold aufgeputzt zu werden.

"Morgen werde ich nicht zittern!" dachte er, Ich will mich recht aller
meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte
von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören."
Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. "Nun
beginnt der Staat aufs neue!" dachte der Baum, aber sie schleppten
ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und
stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien.
"Was soll das bedeuten?" dachte der Baum. "Was soll ich hier wohl
machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?" Er lehnte sich
gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug,
denn es vergingen Tage und Nächte, niemand kam herauf und als
endlich jemand kam, so geschah es, u m einige große Kisten in
den Winkel zu stellen, der Baum stand ganz versteckt, man musste
glauben, dass er ganz vergessen war.

"Nun ist es Winter draußen!" dachte der Baum. Die Erde ist hart
und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht
Pflanzen, deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutz
stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut
sind! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam!
Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da draußen im
Wald, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja selbst
als er über mich hinweg sprang, aber damals mochte ich es nicht
leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!"

"Piep, Piep!" sagte da eine kleine Maus und huschte hervor und
dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum
und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige. "Es ist eine
gräuliche Kälte!" sagten die kleinen Mäuse. "Sonst ist es gut hier
zu sein, nicht wahr du alter Tannenbaum?" "Ich bin gar nicht alt!"
sagte der Tannenbaum, " es gibt viele, die weit älter sind als ich!"

"Woher kommst du?" fragten die Mäuse, "und was weißt du?" Sie
waren gewaltig neugierig, "Erzähle uns doch von den schönsten
Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speiskammer
gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der
Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und
fett herauskommt?"

"Das kenne ich nicht", sagte der Baum, "aber den Wald kenne ich,
wo die Sonne scheint und die Vögel singen!" Und dann erzählte er
alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie
dergleichen gehört, sie horchten auf und sagten: "Wie viel du
gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!"

"Ich?" sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst
erzählte, nach. " Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!"
Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk
und Lichtern geschmückt war.

"Oh", sagten die kleine Mäuse, "wie glücklich du gewesen bist, du
alter Tannenbaum!" "Ich bin gar nicht alt!" sagte der Baum, "erste in
diesem Winter bin ich aus dem Wald gekommen! Ich bin in meinem
allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen."

"Wie schön du erzählst!" sagten die kleinen Mäuse, und in der
nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die
den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto
deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: " Es waren
doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen, können
wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam
doch die Prinzessin, vielleicht kann ich auch eine Prinzessin
bekommen." Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine,
niedliche Birke, die draußen im Wald wuchs, das war für den
Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin.

"Wer ist Klumpe-Dumpe?" fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte
der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes Wortes
entsinnen, die kleinen Mäuse sprangen aus reiner Freude bis an die
Spitze des Baumes. In der folgenden Nacht kamen weit mehr
Mäuse und am Sonntag sogar zwei Ratten, aber die meinten, die
Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse,
denn nun hielten sie auch weniger davon. "Wissen Sie nur die eine
Geschichte?" fragten die Ratten.

"Nur die eine", antwortete der Baum, "die hörte ich an meinem
glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie
glücklich ich war."

"Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von
Speck und Talglicht? Keine Speiskammergeschichte?" "Nein!"
sagte der Baum. "Ja, dann danken wir dafür!" erwiderten die Ratten
und gingen zu den Ihrigen zurück.

Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg und da seufzte der
Baum: "Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen,
die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörte, wie ich erzählte! Nun
ist auch das vorbei! Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich
wieder hervorgenommen werde."

Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen
Leute und wirtschafteten auf dem Boden, die Kisten wurden
weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen, sie warfen ihn freilich
ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diner schleppte ihn
gleich zur Treppe hin, wo der Tag leuchtete.

"Nun beginnt das Leben wieder!" dachte der Baum, er fühlte die
frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen und nun war er draußen auf
dem Hof. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig, sich selbst
zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß
an einen Garten und alles blühte darin, die Rosen hingen frisch und
duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten und
die Schwalben flogen umher und sagten: "Quirrevirrevit, mein Mann
ist gekommen!" Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie
meinten.

"Nun werde ich leben!" jubelte der Baum und breitete seine Zweige
weit aus, aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb und er lag da
zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch
oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.

Im Hof selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur
Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn
gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern
ab.

"Sieh, was da noch an dem hässlichen, alten Tannebaum sitzt!"
sagte es und trat auf die Zweig, so dass sie unter seinen Stiefeln
knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im
Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, dass er in seinem
dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre, er gedachte seiner
frischen Jugend im Wald, des lustigen Weihnachtsabends und der
kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe-Dumpe
angehört hatten.

"Vorbei, vorbei!" sagte der arme Baum. "Hätte ich mich doch
gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!" Der Diener kam und
hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da, hell
flackerte es auf unter dem großen Braukesse. Der Baum seufzte
tief und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich, deshalb
liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das
Feuer, blickten hinein und riefen: "Piff, paff!" Aber bei jedem Knalle,
der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend
im Wald oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne
funkelten, er dachte an den Weihnachtsabend und an
Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er gehört hatte und zu
erzählen wusste - und dann war der Baum verbrannt.

Die Knaben spielten im Garten und der kleinste hatte den Goldstern
auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend
getragen hatte. Nun war der vorbei und mit dem Baum war es vorbei
und mit der Geschichte auch. Vorbei, vorbei!

Der Tannenbaum

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