Pippi Langstrumpf und Legosteine sind abgewählt – stattdessen haben etwas eigenartige, virtuelle Fabelwesen die Macht im Kinderzimmer übernommen: der besoffene Elch, ein Frosch, der sein Motorrad nicht findet und versucht, eben jenes zu imitieren, oder auch die fröhlichen Tassen haben jetzt das Sagen.
In Zeiten, in denen vierjährige Kindergartenkinder Papa mit ihrem Handy anrufen, weil sie abgeholt werden wollen, ist das kein Wunder. Da muss eben auch der Klingeltonmarkt revolutioniert werden, damit schon die Kleinsten an ihr Niveau angepasste Melodien oder Sätze abspielen können. Und dem Arbeitsmarkt kommt es auch zu Gute. Von wegen Arbeitsplatzabwanderung in Billiglohnländern: Noch billiger als in Deutschland lassen sich Klingeltöne wohl kaum mehr produzieren – da macht es doch auch nichts, wenn mal kleinere Rechenfehler in der Pisastudie diagnostiziert werden und Deutschland zum xten Mal auf dem letzten Platz landet, weil der Nachwuchs statt zu lernen lieber die Abwanderung der Klingeltonindustrie durch das Buchen einiger Monatsabos zu verhindern versucht hat.
Die Anbieter freuen sich, denn durch die neue Niveaupalette klingeln nicht die die Handys, sondern auch ihre Kassen.
Und die Klingeltöne haben zudem auch ihren praktischen Nutzen: Kinder lernen im praktischen Video auf anschauliche Weise das Verhalten von Elchen unter Alkoholeinfluss und bemerken, dass Frösche gar nicht reden, sondern nur Motorräder imitieren können – da ist wohl in den Märchen der Gebrüder Grimm einiges falsch gelaufen.
Ein weiterer Vorteil ergibt sich auch für Anrufer: So schnell wie heutzutage hat noch nie jemand ein Gespräch angenommen – man will aber ja auch nicht ewig furzende Bären in seiner Tasche herumtönen lassen.
Doch der einzig wahre Trost für geplagte Eltern, Mitschüler und das nahe Umfeld, denen der Kopf klingelt: Irgendwann ist jeder Akku leer und bedarf einer Erholung von den wilden Klingeltonkreaturen.
Aber bis dahin kann kind ja auch die Klingeltonwerbung im Nachmittagsprogramm anschauen. Denn eins ist doch wohl klar: „Das neue Jamba Sparabo bietet jetzt noch mehr Vorteile für nur 4,95€ im Monat!“.
Geschrieben und veröffentlicht von
atapter2 im Klamm-Forum